Im Juni 2017 habe ich ein dreiwöchiges Schülerbetriebspraktikum in der Papierindustrie Maxi S.A. (s. http://www.maxi.gr/en/company) in Katerini, Zentralmakedonien Nordgriechenland absolviert. Der Kontakt kam über familiäre Verbindungen zustande.

Das 1988 gegründete und 2002 komplett modernisierte Unternehmen beschäftigt ca. 100 Facharbeiter und ist die größte Papierindustrie in Griechenland. Maxi S.A. stellt Toilettenpapier, Küchenrollen, Taschentücher,

 

Servietten und Tischdecken her, hat einen eigenen Fuhrpark von ca. 30 Fahrzeugen und exportiert vor allem in die Balkanländer, wie Bulgarien, Albanien, Serbien, Kosovo, aber auch nach Israel und in die Türkei.

Die Maxi S.A. ist innovativ, mitarbeiter- und ertragsorientiert.

Eingesetzt war ich während meines Praktikums in der kaufmännischen Abteilung des Unternehmens. Frau Skyrailidou, die in Deutschland aufgewachsen ist und ein BWL-Studium in Finanzen abgeschlossen hat, wurde mir als Praktikumsbetreuerin vor Ort zur Seite gestellt. Sie wies mich in das Unternehmen und alle zu verrichtenden Aufgaben ein. Folgende Tätigkeiten habe ich überwiegend ausgeübt:

– Formulare ausgedruckt
– Formulare sortiert und in Ordner eingeheftet
– Verschiedene Dokumente geordnet
– Quittungen eingescannt

Am Anfang fiel es mir etwas schwer, mit den Mitarbeitern Griechisch zu sprechen, obwohl das meine Muttersprache ist, weil sie viele Fachwörter verwendeten, die ich nicht kannte. Besonders hat mir gefallen, dass ich sehen konnte, wie ein griechisches Unternehmen arbeitet und wie Papier hergestellt wird.

Mein Praktikum war sehr interessant und abwechslungsreich, denn ich war ab und zu im Büro und im Verkauf tätig. Persönlich hat mir gefallen, dass die Mitarbeiter mich direkt herzlich aufgenommen haben und mich mit wichtigen Aufgaben betraut haben.
Beruflich fand ich gut, dass ich einen Arbeitsplatz bekam und mich auch direkt an die Arbeit machen konnte, wie z.B. Kundendateien ausdrucken und sortieren.

Paraskevi Amanatidou, HH2D, November 2017

Im Rahmen des europäischen Mobilitätsprogramms war es mir als Klassenlehrerin und Praktikumsbetreuerin von Vivi möglich, sie in ihrem Praktikum in Griechenland zu besuchen. Da dies für mich der erste Aufenthalt in Griechenland war, war ich entsprechend gespannt.
Die Familie von Vivi holte mich freundlicherweise vom Flughafen in Tessaloniki ab und brachte mich in einer kleinen Pension in Katerini, einer Kleinstadt mit ca. 85 000 Einwohner und 70km von Tessaloniki entfernt, unter. Irritierend waren für mich zunächst die griechischen Schriftzeichen. Viele öffentliche Hinweisschilder und Reklameschilder von Geschäften sind zwar auch in lateinischen Buchstaben geschrieben, aber längst nicht alle. Obwohl ich noch Altgriechisch und das griechische Alphabet gelernt habe, hatte ich Schwierigkeiten, mich zurechtzufinden. Wie mag es da wohl jemandem ergehen, der des griechischen Alphabets nicht mächtig ist? Das Festhalten am griechischen Alphabet ist sicherlich auch ein Wettbewerbsnachteil, habe ich mir gedacht.

Am nächsten Vormittag fand der Praktikumsbesuch in Vivis Praktikumsunternehmen statt. Bei der Anfahrt in das Gewerbegebiet fielen mir die vielen maroden und stillgelegten Fabrikgebäude auf – Zeichen der immer noch anhaltenden, tiefen Wirtschaftskrise in Griechenland. Umso überraschter war ich, bei Maxi S.A. vor einem modernen Gebäudekomplex zu stehen.
Mir wurde die gesamte Produktion von der Anlieferung des Grobpapiers bis zur Herstellung des feinen Hygienepapiers gezeigt – meterlange und tonnenschwere Papierrollen wurden dazu angefertigt! Anschließend besichtigte ich die Verwaltung und kaufmännische Abteilungen, Vivi präsentierte mir die Unternehmensgeschichte und es fanden die üblichen Praktikumsbesuchsgespräche statt. Der Besuch endete mit einem kleinen Empfang durch den Juniorchef Herrn Papadopoulos.
Die Sprachen, in denen wir uns verständigten, waren Deutsch und Griechisch (Vivi übersetzte), aber auch Englisch. Insgesamt war ich beeindruckt von den guten Englischkenntnissen, vor allem der jüngeren Griechinnen und Griechen. Hier wird anscheinend viel in die internationale Bildung investiert.

Am Nachmittag engagierten sich Vivi und ihre Familie, mir die nähere Umgebung zu zeigen. So besichtigten wir nach einem typischen griechischen Essen mit vielen verschiedenen Vorspeisen und griechischem Raki (vergleichbar mit italienischem grappa, d.h. aus den Resten der Weinherstellung destilliert) die Ausgrabungsstätte Dion, südlich von Katerini, am Fuße des Olymps (mit 2918 m höchstes Gebirge Griechenland). Dion ist eine antike Stadt und war Ort der Verehrung des Göttervaters Zeus, dessen Namen sie auch trägt. Neben den prächtigen 25 Reiterstatuen (gefallene Gefährten des Makedonierkönigs Alexander), zahlreichen bedeutenden Heiligtümern und wunderschönen Mosaiken gab es auch so scheinbar profane Bauwerke wie eine antike öffentliche Toilette zu sehen:

Den Abend verbrachte ich in geselligen Runden in Platanakia, einem Dorf mit ca. 300 Einwohnern in der Nähe der Ausgrabungsstätte. Dieses Dorf wurde 1954 von griechischen Flüchtlingen gegründet, den so genannten Pontosgriechen, die bis 1923 an der türkischen Schwarzmeerküste siedelten. Viele der Dorfgründer aber verließen kurze Zeit später abermals ihre neue Heimat und gingen als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Es ist, als wenn man einmal seine Heimat verloren hat, nie wieder so richtig heimisch werden kann.

Am nächsten Tag vor dem Rückflug nach Köln besichtige ich auf eigene Faust die Hafen- und Universitätsstadt Tessaloniki. Im Großraum von Tessaloniki leben ca. 1 Millionen Menschen, Tessaloniki gilt deshalb als zweitgrößte Stadt Griechenlands.

Fasziniert hat mich die Geschichte Tessalonikis, vor allem die vielen unterschiedlichen Kulturen (Römer, Byzantiner, sephardische Juden aus Spanien, Osmanen, Deutsche), die hier ihre Spuren hinterlassen haben. Es ist sowohl eine Geschichte der kulturellen Bereicherung, die in Regierungsphasen der Toleranz und des friedlichen Miteinanders zu wirtschaftlichen Blüten geführt hat, als auch eine Geschichte der Eroberung, Rückeroberung, Besatzung, Vertreibung, des Hasses und der Vernichtung.
Besonders betroffen gemacht hat mich, dass während der deutschen Besat-zungszeit von April 1941 bis Oktober 1944 nahezu alle tessalonischen Juden in das KZ Ausschwitz deportiert und ermordet worden. Nur etwa 2000 überleb-ten. Zudem beschlagnahmten die deutschen Besatzer den jüdischen Friedhof, der zu den größten seiner Art gehörte, und demontierten die Grabsteine zum Bau eines Schwimmbades für deutsche Soldaten.
Was mir der Praktikumsbesuch gebracht hat? Neben den kurzen Einblicken in die griechische Alltags- und Arbeitswelt, den sehr gastfreundlichen und herzli-chen Begegnungen mit griechischen Bewohnerinnen und Bewohnern, den zau-berhaften Landschaften, den Einblicken in die sehr bewegte Geschichte eines ständigen Auf- und Niedergangs sowie in die Konsequenzen von Flucht von Vertreibung habe ich vor allem ein tieferes Verständnis für unsere Schülerin-nen und Schüler erworben, die bikulturell aufwachsen – in Deutschland und in einem anderen Land ihrer Herkunft, der Herkunft ihrer Eltern oder anderer Vorfahren. Ich sehe es als ganz besondere Leistung an, sich in zwei verschie-denen Kulturen auszukennen und sich darin souverän bewegen zu können.

Eine weitere Erkenntnis ist, dass das Zusammenleben verschiedener Kulturen kein Phänomen unserer heutigen Zeit ist, sondern immer schon eine Heraus-forderung darstellte. Wir sollten aus den Beispielen aus der Geschichte lernen, in denen ein friedliches Miteinander gut funktionierte, uns für Vielfalt und De-mokratie einsetzen und deutliche Zeichen gegen Rassismus, Nationalismus und religiösen Fanatismus setzen.

Danken möchte ich an dieser Stelle Vivi und ihrer Familie für die herzliche Auf-nahme sowie allen Unterstützern, die diese Reise ermöglicht haben.

Bärbel Schoolmann-Dogan, Klassenlehrerin HH2D, November 2017